Tipps zum Umgang 
mit Nebenwirkungen

Mundschleimhautentzündung (Mukositis)

Bei der Behandlung von Krebserkrankungen spielen aufgrund ihrer Wirksamkeit Chemotherapie und Strahlentherapie eine wichtige Rolle. Trotz intensiver Bemühungen und vielen Verbesserungen können die Therapien leider eine Reihe von Nebenwirkungen verursachen. Zu ihnen gehören auch entzündliche Veränderungen der Schleimhäute. Warum die Schleimhäute im Rahmen einer Chemo- oder Strahlentherapie geschädigt werden können, soll dieser Patienten-Info-Brief veranschaulichen. Er bietet Ihnen praktische Tipps zur Vermeidung beziehungsweise Linderung von auftretenden Beschwerden und dient zur Vorbereitung und Ergänzung Ihrer Gespräche mit dem behandelnden Arzt. Diese Informationen sind in Zusammenarbeit zwischen der Universitätsfrauenklinik Charité Campus Virchow-Klinikum und der Zahnklinik der Charité entstanden. Ich hoffe, dieser Beitrag kann Ihnen wichtige Informationen zum Thema Mundschleimhautentzündung (Mukositis) vermitteln und einige Ihrer Fragen beantworten.

Für weitere Details können Sie uns gerne direkt kontaktieren:
studiensekretariat.agovarialca@charite.de.

Prof._SehouliIch hoffe, die folgenden Informationen helfen Ihnen weiter. Ich wünsche Ihnen alles Gute!

Prof. Dr. med. Jalid Sehouli
Leiter Europäisches Kompetenzzentrum für Eierstockkrebs
an der Charité Berlin, Campus Virchow Klinikum

Schleimhaut

Schleimhäute (lat. Mukosa) sind Gewebe, die innere Organe überziehen. Sie besitzen Schleim produzierende Zellen. Der Schleim bedeckt die Oberflächen filmartig, macht sie gleitfähig und bietet Schutz vor mechanischer oder chemischer Zerstörung. Schleimhäute überziehen beispielsweise Bereiche der Nase, des Magens, des Darms und der Gebärmutter.

Viele Schleimhäute haben die Aufgabe Sekrete in eine bestimmte Richtung zu transportieren. Dadurch sind sie an Ausscheidungs- und Aufnahmeprozessen beteiligt. Im Verdauungstrakt z.B. verrichten Schleimhäute folgende Aufgaben: Sekretbildung (z.B. Schleim zur Befeuchtung, Eiweiße), Aufnahme von Nährstoffen und Wasser im Dünn- und Dickdarm, Transport von Nährstoffen und Speisen, Schutz vor mechanischen Schäden.

Ebenso wie Tumorzellen teilen sich auch Schleimhautzellen sehr schnell und erneuern sich damit ständig. Ihre Lebensdauer beträgt 10 bis 14 Tage, der Aufbau der Zellschicht (Dicke und Anzahl der Zellen) hängt sehr von der Lokalisation ab. So ist die Schleimhaut im Mund deutlich dünner als im Magen, um nicht das Sprechen und Geschmacksempfinden zu beeinträchtigen.

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Ursache / Entstehung der Mukositis

Bösartige Tumorzellen haben die typische Eigenschaft, sich unkontrolliert zu teilen und dadurch schnell zu wachsen. Ihr rasches Wachstum ist der Angriffspunkt von Chemo- und Strahlentherapien. Beide Therapieformen sind in der Lage, die Zellteilung in hohem Maße zu bremsen oder zu hemmen, indem sie die Erbinformation der Tumorzelle schädigen. Trotz einer kontinuierlichen Verbesserung der Chemotherapie- und Strahlentherapieprotokolle haben die Therapien leider auch einen negativen Einfluss auf gesundes Gewebe, das sich häufig teilt.

Zu den sehr teilungsaktiven Geweben gehören beispielsweise Schleimhäute, Haarzellen und das Knochenmark. Werden sie im Rahmen einer Krebstherapie zerstört oder in ihrem Wachstum gehemmt, kommt es zu Nebenwirkungen. Dazu gehören u.a. Entzündungen der Schleimhäute, Haarausfall und ein Mangel von roten (Erythrozyten) und weißen Blutkörperchen (Leukozyten), d.h. Veränderungen des Blutbildes.

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Klassifikation der Mukositis

Da Zytostatika und Strahlen vor allem teilungsaktive Zellen angreifen, werden die Schleimhäute durch eine Chemotherapie besonders häufig geschädigt. Diese reagieren mit den typischen Charakteristika einer Entzündung – einer so genannten Mukositis (lat. mucus = Schleim). Die Symptome können – je nach Schweregrad – Rötungen, Schwellungen, Blutungen und schmerzhafte Geschwüre sein.

Es gibt unterschiedliche Einteilungen der Mukositis Schweregrade. Eine davon ist die Klassifikation der World Health Organisation (WHO), die objektive, subjektive und funktionale Aspekte berücksichtig:

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Einteilung der Mukositis-Schweregrade nach WHO

WHO-Grade

    Grad 0:
    Keine Nebenwirkung im Mundbereich vorhanden

    Grad 1:
    Entzündungen und Rötungen

    Grad 2:
    Entzündliche Rötungen, Geschwüre, Patient kann feste Nahrung schlucken

    Grad 3:
    Geschwüre, ausgeweitete, entzündliche Rötungen, Patient kann keine feste Nahrung schlucken

    Grad 4:
    Mukositis so ausgedehnt, dass eine Ernährung über den Mund nicht möglich ist

Das Risiko für die Entstehung von Schleimhautentzündungen sowie ihr Schweregrad hängen von verschiedenen Faktoren ab. Bei Chemotherapien sind besonders Art und Dosis der eingesetzten Therapie ausschlaggebend. Patienten, die eine Hochdosis-Chemotherapie erhalten, leiden häufig unter Mukositis. Bei der Strahlentherapie sind das Bestrahlungsfeld, die Art der Bestrahlung und die Gesamtdosis wichtige Faktoren für die Entwicklung einer Mukositis.

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Formen der Mukositis

Stomatitis und Gastritis sind häufige Formen der Mukositis. Besonders oft verändern sich im Rahmen einer Chemotherapie oder Strahlentherapie die Schleimhäute im Mund sowie im Magen-Darm-Trakt. Entsprechend ihrer Lokalisation werden Entzündungen der Mundschleimhaut als Stomatitis (Stoma = griechisch für Mund) bezeichnet, die des Magen-Darm-Trakt als Gastritis. Der Zustand der Mundhöhle vor einer Chemo- oder Strahlentherapie, sowie Lebensgewohnheiten und die Art der Mundpflege haben Einfluss auf das Risiko, eine Stomatitis zu entwickeln.

Folgende Faktoren sind es im Einzelnen:

  • Mechanische Schädigungen (z. B. falsches Zähneputzen)
  • Chemische Reize (z. B. Alkohol, Nikotin)
  • Zu heiße oder kalte Nahrungsmittel
  • Zu scharf gewürzte Speisen und säurehaltige Lebensmittel
  • Infektionen (z. B. bestimmte Viren oder Bakterien)
  • Schlechte Mundhygiene
  • Begleiterkrankungen (z. B. Immunerkrankungen)
  • Medikamente

Schleimhautveränderungen im Mund erschweren die Nahrungsaufnahme beträchtlich. Bei sehr schweren Formen muss der Patient ggf. künstlich ernährt werden. Eine Gastritis führt oft zu Durchfall, wodurch der Patient sehr geschwächt werden kann.

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Infektionsrisiko

Durch die entzündlichen Veränderungen können die Schleimhäute oft ihre Schutzfunktion nicht mehr aufrecht erhalten. Es besteht das Risiko, dass sich krankheitsverursachende (pathogene) Keime ansiedeln beziehungsweise in den Körper eindringen und Infektionen auslösen. Infektionen erschweren den Heilungsprozess und schwächen den Patienten. Sie gefährden zu dem die geplante Durchführung der Chemotherapie und somit die erfolgreiche Zerstörung des Tumors.

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Mundtrockenheit (Xerostomie)

Chemo- und Strahlentherapien können nicht nur zu Mukositis, sondern auch zu Mundtrockenheit, der sogenannten Xerostomie führen. Durch das verringerte Zellteilungsvermögen können sich die Mundschleimhäute nur langsam erneuern. Es wird zu wenig Speichel produziert. Die Strahlentherapie im Kopf- und Halsbereich kann außerdem die Speicheldrüsen schädigen, was ebenfalls die Speichelproduktion vermindert.

Der natürliche Speichel übernimmt eine Reihe wichtiger Funktionen: Zum einen hält der die Mundhöhle feucht. Durch seine Zusammensetzung (Flüssigkeit, Salze, Eiweiße) ermöglicht der Speichel beispielsweise das Kauen, Schlucken und Sprechen. Außerdem reinigt er Mund und Zähne. Eine weitere wichtige Funktion des Speichels sind Befeuchtung und Schutz der Schleimhäute. Täglich werden circa 1 – 1,5 Liter Speichel produziert. Die Speichelbildung kann durch eine Reihe von Faktoren wie beispielsweise Medikamente, Krankheiten und Lebensgewohnheiten beeinflusst werden. Mundtrockenheit kann zu Entzündungen der Mundschleimhaut und des Zahnfleisches aber auch zu Karies und Mundgeruch führen.

Verschiedene Begleiterkrankungen, wie Zuckerkrankheit (Diabetes mellitus) oder rheumatische Erkrankungen (z.B. rheumatoide Arthritis) können die Nebenwirkungen im Mund-Rachenraum erheblich verstärken. Hohes Alter und ein schlechter Ernährungszustand erhöhen das Risiko für Schleimhautnebenwirkungen und Mundtrockenheit ebenfalls. Darum ist ein ausführliches Gespräch mit dem behandelnden Arzt und die Berücksichtigung aller Begleiterkrankungen vor der Krebstherapie absolut wichtig.

Auch verschiedene Medikamente wie

  • Bluthochdruckmittel
  • Psychopharmaka (z.B. Neuroleptika)
  • Medikamente gegen Depression (Antidepressiva)
  • Medikamente gegen Übelkeit (Antiemetika)
  • Medikamente gegen Schmerzen (Opiate)
  • Medikamente gegen Allergien (Antihistaminika)

können Mundtrockenheit verursachen.

Um Mukositis und Mundtrockenheit möglichst frühzeitig zu erkennen, sollten Sie regelmäßig den Zustand der Mundschleimhaut, des Zahnfleisches und der Zähne kontrollieren. Teilen Sie eventuelle Symptome dem medizinischen Personal mit.

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Was Sie selbst tun können

Die folgenden Tipps dienen zur Vorbeugung von Mundschleimhautentzündung (Stomatitis) und Mundtrockenheit (Xerostomie) unter Chemotherapie und / oder Bestrahlung. Sie ersetzen jedoch nicht das Gespräch mit Ihrem behandelnden Arzt. Alle Schritte sollten auch mit ihm abgeklärt werden.

  • ·Lassen Sie, wenn möglich, vor Bestrahlung oder Chemotherapie Ihre Zähne sanieren.
  • Lassen Sie vor Beginn der Therapie eine professionelle Zahnreinigung durch den Zahnarzt durchführen.
  • Pflegen Sie während der Chemotherapie / Bestrahlung Ihre Zähne besonders sorgfältig mit milden Zahnpasten und Fluorid-Spülungen.
  • Vor Beginn der Bestrahlung sollten Sie einmal pro Woche eine Zahnschiene mit einer fluorhaltigen Zahnpasta benutzen (Fluor beugt einer Strahlenkaries vor).
  • Unter der Bestrahlung sollten Sie keinen prothetischen Zahnersatz tragen, um chronische Prothesendruckstellen zu vermeiden.
  • Lassen Sie unmittelbar vor und während der Chemotherapie kleine Eiswürfel an der gesamten Mundschleimhaut zergehen.
  • Besonders unter Strahlentherapie ist die Prophylaxe einer Pilzinfektion wichtig.
  • Wenden Sie mehrmals täglich Panthothensäure-Lösung-Spülungen an.
  • Zur Linderung der Mukositis und der Mundtrockenheit wird mehrmals täglich eine Salbeiteespülung empfohlen.
  • Bei Mundtrockenheit wird Speichelersatz empfohlen: Er bildet einen Schutz- und Gleitfilm auf der Mundschleimhaut und erleichtert die Funktion des Kauens und Sprechens.
  • Bei einem sehr trockenen Mund kann ein Mundschleimhaut-Befeuchtungsgel, angewendet werden.

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Vorbeugungsmöglichkeit durch medikamentöse Wachstumsfaktoren

Wenn die Schleimhaut verletzt wird, bilden bestimmte Zellen einen Wachstumsfaktor, den Keratinozyten-Wachstumsfaktor. Durch diesen werden die verbleibenden Schleimhautzellen zum Wachsen und zur Produktion der so genannten Keratinozyten angeregt. Keratinozyten sind aktiv an der Immunantwort, an Entzündungsprozessen und bei der Wundheilung beteiligt. Der körpereigene Keratinozyten-Wachstumsfaktor kann inzwischen biotechnologisch hergestellt werden.

Wenn eine Mukositis seltener auftritt, kürzer anhält und milder verläuft, verbessert sich die Lebensqualität der Patienten entscheidend. Die Patienten benötigen möglicherweise weniger Schmerzmittel, keine künstliche Ernährung oder nur für kurze Dauer. Auch Krankenhausaufenthalte können verkürzt werden. Außerdem sinkt das Infektionsrisiko, die Krebstherapie kann planmäßig verlaufen.

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Europäisches Kompetenzzentrum für Eierstockkrebs (EKZE)